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Rede Gruß­wort des Be­auf­trag­ten Fa­bri­ti­us zur Jah­res­ta­gung der Konferenz für Aus­sied­ler­seel­sor­ge in der EKD am 8. Ja­nu­ar 2019 in Ber­lin

Datum
10.01.2019
Redner
Prof. Dr. Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten

[Es gilt das gesprochene Wort]

Diese Jahrestagung der Konferenz für Spätaussiedlerseelsorge der Evangelischen Kirche in Deutschland hat eine lange und gute Tradition. Die Konferenz für Aussiedlerseelsorge ist aus der Arbeit des Ostkirchenausschusses der EKD hervorgegangen. Seit mehr als 40 Jahren gibt sie Aussiedlern eine Stimme. So ist es auf der Homepage der EKD zu lesen.

Ich bin froh, dass es diese Stimme gibt.

Die evangelische Kirche in Deutschland hat sich stets für die Belange und Nöte der deutschen Flüchtlinge, Heimatvertriebenen und Aussiedler eingesetzt. Für Menschen, die ihre Heimat im Mittelosten, Südosten und Osten Europas sowie den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion in Folge des Zweiten Weltkrieges verlassen mussten, bietet die Evangelische Kirche durch die Aussiedlerseelsorge seit je her ein besonderes pastorales Angebot und damit wieder ein Stück Heimat.

Mit diesem zielgruppenspezifischen Angebot hat sich die Evangelische Kirche um die Aussiedler verdient gemacht.

So bietenseelsorgerische Gespräche im Rahmen der Aussiedlerseelsorge Aussiedlern die Möglichkeit, Erfahrenes zu verarbeiten und sich in das neue Lebensumfeld einzufinden. Glaube ist dabei eine wichtige Stütze, den Verlust der angestammten Heimat zu bewältigen und eine neue Heimat im Bundesgebiet zu finden.

Von großer Bedeutung sind hier auch die Kirchengemeinden. Hier treffen neu eingereiste Spätaussiedler auf bereits seit Längerem nach Deutschland zurückgekehrte Aussiedler wie auch auf seit jeher hier angestammte Mitbürger. Geeint im gemeinsamen Glauben wird in den Kirchengemeinden christliche „Beheimatung“ der Vertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler ganz konkret: durch Gemeinschaftsleben. Dies nicht zuletzt, weil diese erlebte Gemeinschaft Ihnen signalisiert: "Ihr seid unsere Landsleute, ihr seid hier willkommen!".

Aussiedler und Spätaussiedler verstehen sich selbst als Deutsche, die in die Heimat ihrer Vorfahren zurückkehren. Dies ist zu Recht Teil ihres Selbstverständnisses Leider besteht in der deutschen Mehrheitsgesellschaft eine große Unkenntnis über das besondere Kriegsfolgenschicksal der Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion, aus dem Baltikum, aus Mittelosteuropa, Südosteuropa und aus Mittelasien.

Deutsche - meistens die Eltern und Großeltern, derjenigen, die heute zu uns kommen - wurden infolge des Zweiten Weltkrieges enteignet, deportiert und entrechtet, und zwar aufgrund ihrer deutschen Volkszugehörigkeit. Die Umstände unter denen unsere Landsleute nach dem Zweiten Weltkrieg im Aussiedlungsgebiet leben mussten und die damit verbundenen Folgen schufen einen Vertreibungsdruck, der in vielen Fällen auch heute noch besteht.

Leider besteht auch darüber Unkenntnis, dass diese Menschen zum deutschen Kulturkreis gehören und dass wir ihnen gegenüber eine historische und moralische Verantwortung haben. Die Bedeutung des Glaubens für ihr Leben zeigt sich auch daran, dass der christliche Glaube und die freie Religionsausübung für viele ein wesentliches Aussiedlungsmotiv war.

Vielen Menschen war es hinter dem „Eisernen Vorhang“ nur schwer möglich, ihren Glauben in der Sowjetunion zu praktizieren. So konnten beispielsweise Gottesdienste nur heimlich in deutscher Sprache gefeiert werden. Auch das gemeinsame Lesen der Bibel und das Singen von Kirchenliedern in deutscher Sprache war verboten. Dennoch haben sich die Menschen nicht beirren lassen und sich heimlich in christlichen Gemeinden oder auch privat zusammengefunden.

Die christliche Gemeinschaft im Aussiedlungsgebiet war damit eine wesentliche Stütze zur Bewahrung der deutschen Kultur und zur Übermittlung der deutschen Sprache. Erst der steigende Druck während des Zweiten Weltkriegs und die Verschärfung der Repressalien führten zur Gefährdung der kulturellen Identität und zur damit verbundenen Assimilierung.

Meine Damen und Herren,

als im Zuge der Entspannungspolitik vielen deutschen Volkszugehörigen die Ausreise ermöglicht wurde, hat die Aussiedlerseelsorge eine Vielzahl von Aussiedlern und Spätaussiedlern unterstützt. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese durch die Kirchen unterstützte und als positiv empfundene Aufnahme im Bundesgebiet auch zur Versöhnung mit dem eigenen Kriegsfolgenschicksal auf der Grundlage des christlichen Glaubens beigetragen hat.

Für Menschen, die Ihre Heimat verloren haben, ist der Glaube vielfach eine wesentliche Stütze für die eigene Wiederbeheimatung. Und darüber hinaus: Christlicher Glaube und Gemeinschaft sind für viele dieser Menschen eine wesentliche Säule ihrer eigenen Identität. Ich bin daher der festen Überzeugung, dass dem christlichen Glauben eine zentrale identitätsstiftende und identitätsfestigende Funktion auch innerhalb der Gesamtgesellschaft zukommt.

Meine Damen und Herren,

die Aufnahme und Integration der 12 Millionen Vertriebenen und 4,5 Millionen Aussiedler und Spätaussiedler ist insgesamt eine Erfolgsgeschichte. Ich bin der festen Überzeugung, dass die vorbildliche Aussiedlerseelsorge von beiden großen Kirchen und damit die christliche Beheimatung in den Gemeinden eine bedeutende Rolle gespielt hat. Ich bitte daher alle Gliedkirchen, diese wichtige Arbeit nachhaltig fortzusetzen.

Verbunden mit meinem ausdrücklichen Dank für diese vorbildliche Unterstützung, die auch zukünftig von großem Nutzen sein wird, freue ich mich heute auf eine erfolgreiche und ergiebige Jahrestagung mit Ihnen.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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