Navigation und Service

Rede "Die nie­der­deut­sche Spra­che ist be­son­ders ge­schützt."

Datum
12.04.2018
Redner
Dr. Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten

[Es gilt das gesprochene Wort]

Ich freue mich sehr, dass mich mein erster öffentlicher Termin in meinem neuen Amt als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten zu Ihnen führt und ich direkt an der Vorstellung einer neu geschaffenen Einrichtung – des Niederdeutschsekretariats – teilnehmen kann. Dies zeigt mir, dass ich es in meinem Amt nicht mit einer bloßen Verwaltung des Bestehenden zu tun habe, sondern dass auch hier Veränderungen und dynamische Entwicklungen stattfinden.

Die niederdeutsche Sprache ist – ebenso wie die Sprachen der vier in Deutschland anerkannten nationalen Minderheiten – nach den Maßgaben der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen in Deutschland besonders geschützt. Dass sie in acht von sechzehn Bundesländern traditionell gesprochen wird, macht sie besonders und hebt sie von den geschützten Minderheitensprachen ab.

Dieser Umstand macht die niederdeutsche Sprache aber auch besonders verwundbar. Er erschwert die Bündelung aller Kräfte, die zum Erhalt und zur Pflege der Sprache erforderlich ist.

So ist der Anlass für die Einrichtung des Niederdeutschsekretariats ursprünglich auch ein eher unerfreulicher gewesen, der dem Ziel der Bündelung aller Kräfte entgegenlief. Mit der Kündigung des Abkommens zur gemeinsamen Finanzierung des Instituts für niederdeutsche Sprache durch die vier Länder Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein zum 31. Dezember 2017 wurde nicht nur die Zukunft dieses Instituts ungewiss.

Da das Institut für niederdeutsche Sprache auch die Geschäftsführung des Bundesrats für Niederdeutsch wahrgenommen hat und sich nach der Kündigung des Finanzierungsabkommens schon für das Jahr 2017 nicht mehr zu einer Fortsetzung dieser Aufgabe in der Lage sah, stand mit einem Mal auch die weitere Arbeitsfähigkeit des Bundesrates für Niederdeutsch in Frage. Da es sich beim Bundesrat für Niederdeutsch um einen Zusammenschluss von Vertreterinnen und Vertretern der über die acht Sprecherländer verteilten niederdeutschen Sprachgruppe und damit um das zentrale Gremium zur Vertretung der sprachpolitischen Interessen der Sprechergruppe handelt, hätte eine solche Schwächung des Bundesrates für Niederdeutsch erhebliche negative Auswirkungen für die Niederdeutsch Sprechenden gehabt.

Dankenswerterweise fand sich der Schleswig-Holsteinische Heimatbund bereit, für das Jahr 2017 die Geschäftsführung für den Bundesrat für Niederdeutsch zu übernehmen. Mit finanzieller Förderung durch das Bundesministerium des Innern – jetzt Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat – konnte dann Ende des letzten Jahres das Niederdeutschsekretariat in Hamburg eingerichtet werden. Mit Beginn des Jahres 2018 hat das Niederdeutschsekretariat die Geschäftsführung für den Bundesrat für Niederdeutsch übernommen. Es wird den Bundesrat für Niederdeutsch bei seiner sprachpolitischen Arbeit organisatorisch und konzeptionell unterstützen. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien hat grundsätzlich in Aussicht gestellt, Fördermittel für geeignete Projekte des Niederdeutschsekretariats beziehungsweise des Bundesrats für Niederdeutsch zur Verfügung zu stellen.

Mit dem Niederdeutschsekretariat hat der Bundesrat für Niederdeutsch nun noch einmal an Eigenständigkeit und – in Anführungszeichen – Schlagkraft gewonnen. Dies erscheint auch nötig. Die Situation des Niederdeutschen ist zwar besser als noch vor einigen Jahren befürchtet. Es gibt aber auch noch viel zu tun.

Die im Dezember 2016 vorgestellten Ergebnisse der vom Institut für Deutsche Sprache und vom Institut für niederdeutsche Sprache gemeinsam durchgeführten Erhebung zum Status und Gebrauch des Niederdeutschen haben gezeigt:
Die niederdeutsche Sprache ist im Bewusstsein der Bevölkerung in den acht Sprecherländern präsent und überwiegend positiv besetzt. Die rückläufige Entwicklung der Sprachbeherrschung, die bei der vorherigen Umfrage im Jahr 2007 festgestellt worden war, konnte offenbar aufgehalten werden. Dies waren grundsätzlich gute Nachrichten.

Die Erhebung hat aber auch gezeigt, dass gute Sprachkompetenzen im Niederdeutschen vor allem bei der älteren Generation vorhanden sind. Die Jüngeren beherrschen die niederdeutsche Sprache dagegen in überwiegender Zahl weder aktiv noch passiv wirklich gut. Dies gilt es stets zu bedenken, wenn über Stand und Zukunft des Niederdeutschen gesprochen wird.

Die Herausforderungen nicht nur für den Bundesrat für Niederdeutsch und sein Niederdeutschsekretariat, sondern auch für alle acht Sprecherländer liegen damit auf der Hand. Die niederdeutsche Sprache muss insbesondere der jüngeren Generation nähergebracht werden, im besten Falle schon im Kindergarten und dann anschließend in der Grundschule und den weiterführenden Schulen.

Die niederdeutsche Sprache muss jedoch auch für alle anderen Altersstufen im Alltag erlebbar sein. Dies schließt nicht nur die Präsenz des Niederdeutschen in den Medien ein. Hierunter fällt auch das Anliegen vieler Angehöriger der Sprechergruppe, für ältere Menschen eine Betreuung durch Pflegekräfte zu ermöglichen, die des Niederdeutschen mächtig sind.

Wichtig für Erhalt und Pflege der niederdeutschen Sprache ist zudem eine wissenschaftliche Erforschung und Aufbereitung des Niederdeut-schen, und zwar über alle acht Sprecherländer hinweg. Bislang hat sich das Institut für niederdeutsche Sprache dieser Aufgabe gewidmet. Ob und wie nach dem Wegfall der institutionellen Förderung des Instituts durch die Länder Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sichergestellt werden soll, dass die bisher vom Institut für niederdeutsche Sprache geleistete Forschungsarbeit und die von ihm angebotenen Dienstleistungen im Bereich des Niederdeutschen zukünftig auf einem vergleichbaren Niveau weitergeführt werden und von allen acht Sprecherländern genutzt werden können, ist immer noch ungeklärt.

Es bleibt daher eine vordringliche Aufgabe der Länder zu gewährleisten, dass Niveau und Bandbreite der bislang vom Institut für niederdeutsche Sprache geleisteten wissenschaftlich basierten Arbeit nicht abnehmen. Ob das von den Ländern Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein gegründete Länderzentrum für Niederdeutsch vergleichbare Leistungen erbringen kann und wird, erscheint zumindest fraglich, jedenfalls dann, wenn die Tätigkeit des Länderzentrums nur auf die niederdeutsche Sprache in den genannten vier Ländern bezogen sein wird.

Wir sollten gemeinsam darüber sprechen, wie dieses dringende Problem gelöst werden kann. Ich werde dem Land Bremen als Sitzland des neuen Länderzentrums für Niederdeutsch in Kürze ein entsprechendes Gesprächsangebot unterbreiten.

Ich habe eben nur einige wenige Aufgaben und Herausforderungen genannt, die es aktuell und in der Zukunft zu bewältigen gilt. Klar ist jedenfalls: Auf dem bisher Erreichten kann und darf sich niemand ausruhen.

Dem Bundesrat für Niederdeutsch und dem Niederdeutschsekretariat kommt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle zu. Ihnen obliegt es, die sprachpolitischen Interessen der Sprechergruppe vor allem gegenüber den zuständigen Ansprechpartnern in den Regierungen und Parlamenten aktiv zu vertreten, damit diese Interessen gehört und berücksichtigt werden und alle Akteure das ihnen Mögliche zum Erhalt und zur Pflege der niederdeutschen Sprache beitragen.

Für diese verantwortungsvolle, aber sicherlich auch erfüllende Aufgabe wünsche ich Ihnen, Frau Dr. Luther und Frau Ehlers, sowie Ihren Mitstreitern im Bundesrat für Niederdeutsch alles Gute und viel Erfolg. Seien Sie gewiss, dass ich für Ihre Anliegen stets ein offenes Ohr haben werde.

Schwerpunktthemen

Mediathek

Icon: Kamera

Hier gelangen Sie zur Mediathek

Zur Mediathek

Publikationen

Icon: Publikation

Hier gelangen Sie zur Gesamtübersicht der Publikationen

Zu den Publikationen